Den folgenden Artikel hat Katharina Hut, eine junge Journalistin, im Rahmen ihrer Ausbildung geschrieben. Er wird in der Zeitung leider nicht veröffentlicht, wir fänden es aber zu schade, wenn er in der Schublade verschwindet. Viel Spaß beim Lesen!
Horst Köhler ist der einzige im Raum, der Anzug trägt. Freundlich blickt der Bundespräsident aus seiner Autogrammkarte heraus, über die Schulter von Till hinweg. Der trägt Jeans und einen grünen Pulli und spielt mit dunkelbraun gerösteten Kaffeebohnen, die vor ihm auf dem weißen Konferenztisch liegen. Seit etwa zehn Minuten referiert er mit leuchtenden Augen über Rohkaffee, Trommelröstung und die Vielfältigkeit der Aromen. Ganz plötzlich hält er inne. „Boah, vor Kurzem haben wir noch jeden für einen Freak gehalten, der so viel über Kaffee geredet hat.“ Sagt’s und guckt ein bisschen verlegen.
Kaffee ist in Deutschland ein 4,2-Milliarden-Euro-Markt. Auf Till Achinger, seinen Geschäftspartner Tamer El-Hawari und ihre Idee, Kunden ihren Kaffee im Internet selbst mischen zu lassen, hatte da niemand gewartet. Trotzdem gingen die beiden Münsteraner vor drei Monaten, im März, mit ihrer Website sonntagmorgen.com online. „Wir sind ja nun beide nicht grün hinter den Ohren“, sagt Till, „aber rückblickend sind wir tierisch naiv an die Sache rangegangen.“
Im September 2007 begegneten sich Till, der damals 23-jährige Student der Kommunikationswissenschaften mit PR-Erfahrung, und Tamer, ein 28 Jahre alter Wirtschaftsinformatiker, angestellt bei einer Unternehmensberatung in Münster. Beide waren sie passionierte Kaffeetrinker und hatten eine ähnliche Idee. Noch am gleichen Abend besiegelten sie bei einem Bier ihre Geschäftspartnerschaft per Handschlag. 40 Euro kostete es sie beim Gewerbeamt, offiziell eine Firma zu sein. Das war der einfache Teil.
Ein Experte in Sachen Kaffee zu werden, war da weitaus schwieriger. „Wir haben erstmal das gemacht, was jeder machen würde und Internetrecherche betrieben“, berichtet Till. Es folgten Verkostungen, Streifzüge durch Geschäfte, wo sie sich ein Bild von Ware und Preisen machten. Sie nahmen Kontakt mit Kaffeeimporteuren in Hamburg und Bremen auf. Till reist hin. Die beiden Jungunternehmer lernten, dass man von Kaffeekirschen spricht, deren Steine - die Bohnen - ungeröstet grün sind und ein bisschen wie Kaninchenstreu riechen.
In der Königsdisziplin - als ernstzunehmender Unternehmer anerkannt zu werden – brachte die beiden ihr neugewonnenes Wissen dennoch nur langsam vorwärts. In Bremen fanden Till und Tamer schließlich einen Importeur, der bereit war, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Er vermittelte ihnen außerdem den Kontakt zu einer kleinen Rösterei in Münster. Dort lagern nun die neun reinen Kaffeesorten mit klangvollen Namen wie Nicaragua Maragogype oder Indian Pearl Mountain, die Till und Tamer ihren Kunden anbieten.
Jeden Nachmittag gegen 16 Uhr hält das Auto des Paketdienstes vor dem Firmensitz der beiden, der Fahrer rollt einen leeren Gitterwagen in die Büroräume und nimmt einen vollen Wagen mit, voll mit bestellten Kaffeepäckchen. Die individuellen Mischungen werden von Hand zusammengestellt. Geröstete Bohnen gelangen in kleinen silberfarbenen Schüsseln über die Waage zur elektrischen Kaffeemühle. Von dort aus fließen sie, fertig gemahlen, wieder in ihre Schüsseln, empfangen zusätzliche fruchtige, nussige oder vielleicht auch schokoladige Aromen und landen – nach einem erneuten Zwischenstopp auf der geeichten Waage – in ihrer Verpackung. Kaffee und Aromen verteilen ihren Duft im ganzen Raum, auch drüben im Büro, in der Küche, im Flur.
Dass der Paketdienst zuverlässig jeden Tag vor der Tür steht, um die Bestellungen abzuholen, war nicht von Anfang an selbstverständlich. Einmal haben Till und Tamer den Anbieter bereits gewechselt. Man nahm sie nicht für voll. „Da mussten wir uns erst in Schale schmeißen und denen erklären, dass sie an uns Geld verdienen können“, sagt Till und klingt immer noch entrüstet. Denn auch wenn sie in ihrer Versuchsküche so manche Kaffeemischung testen, die alteingesessenen Kaffeeexperten nie in den Sinn käme, hatten die Geschäftspartner doch das Gefühl, dass ihr Konzept eine echte Chance hatte – trotz aller Ängste.
„Wir wissen um die Schwächen unseres Konzept“, sagt Till. Den wenigsten sei beispielsweise klar, dass ihr Supermarkt-Kaffee fast immer aus mehreren Sorten besteht, damit der Geschmack jedes Mal derselbe ist. Dass das Mischen also einen Sinn hat, müssen die Gründer immer wieder aufs Neue erklären. „Wir sind quasi im Dauereinsatz.“ Meistens hat Till Kaffeeproben dabei, wenn er unterwegs ist, drückt sie seinem Gegenüber in die Hand, erzählt von sonntagmorgen.com. Die einen sagen „Cool.“, die anderen „Ihr spinnt.“.
Im Büro, neben der Autogrammkarte des Bundespräsidenten, hängt ein großer Kalender an der Wand. An ihm kann man ablesen, dass Till und Tamer noch viel vorhaben. Jetzt, nachdem das Grundgerüst steht und mit jeder Woche mehr Bestellungen eintreffen. Die Einnahmen liegen deutlich über der Untergrenze, die sich die Jungunternehmer gesetzt hatten, als sie ihren Businessplan erstellten und Ersparnisse zusammenkratzten. Die Miete für sein WG-Zimmer kann Till noch nicht von dem bezahlen, was sie mit sonntagmorgen.com verdienen. Doch immerhin trägt sich die Firma selbst. Till studiert weiterhin - zurzeit vier Stunden pro Woche. In der Firma ist er manchmal 13 Stunden am Tag. Tamer arbeitet zusätzlich als Unternehmensberater. Ihr Minimalziel haben die beiden erreicht, sie haben gezeigt, dass es geht. Und deshalb findet Till: „So richtig scheitern können wir jetzt gar nicht mehr.“